Standing Prayer II
Zuerst eine, später zwei Giraffen in kleinem Käfig in einem europäischen Zoo. Vor und hinter den Tieren quadratische Gittermuster (Drahtglas und Fliesen), die, mit der organischen Zeichnung des Haarkleides konkurrierend, an Muybridges Studien in Animal Locomotion (1887) erinnern. Doch die Giraffen bewegen sich kaum. Sie schauen, kauen, horchen und – stehen. Ob sie beten? Der Titel des Films bezieht sich auf die Amidah, ein Hauptgebet des jüdischen Gottesdienstes.
Grobkörniges 16mm-Material, meist überbelichtet, ausgewaschene Farben, leicht zitternde, teilweise unscharfe Aufnahmen – allesamt Qualitäten, die die Bilder in Frage stellen, da sich ihre Materialität gleichsam vor das Abgebildete schiebt. Aber deshalb sind sie authentisch: Licht hat sich auf der Filmemulsion eingeschrieben als materielle Spur der abgebildeten Szene.
In einem zweiten, subtil mit dem ersten verwobenen Strang scheint sich die Abstraktion durchzusetzen: In nun kräftiger Färbigkeit und Hell-Dunkel-Kontrasten spülen betörend schöne, zunächst gegenstandslos fließende Bewegungen dann aber auch „Haut und Haare“ vorbei. Tatsächlich handelt es sich, wie Hugo Max erläutert, um Rayogramme seiner eigenen Gliedmaßen, deren nackte Haut er in der Dunkelkammer mit Rohfilm umwickelt und belichtet hat. Die ungesehene Performance inspiriert sich an einer weiteren jüdischen Gebetspraxis, in der rituelle Gegenstände – Tefillin – verwendet und lederne Riemen von ähnlicher Breite wie der Filmstreifen zum Beten um Arm und Kopf gewunden werden.
Als Geflecht flüchtiger Elemente entzieht Standing Prayer II seine Bilder ständig dem Blick – jene der vom Aussterben bedrohten Art (deren Käfig am Ende leer bleibt) ebenso wie die der „eigenen Haut“. Ihr unsicherer Status macht sie, zusammen mit der vom Filmemacher selbst erzeugten metallen pfeifenden und klopfenden Musik, zu stets sich erneuernden Denkbildern. (Thomas Korschil)
Standing Prayer II
2026
Österreich
4 min